"Vergiss Dich nicht!“ – Eine Mutter berichtet über die Suchterkrankung ihrer Tochter
Doch nach dem Tod der Tante, welche für die Tochter eine wichtige Bezugsperson gewesen war, geriet ihr Leben aus den Fugen.
"Mit ihrem Tod ist meine Tochter in ein tiefes Loch gefallen", erinnert sich Frau K.. Die Trauer wurde immer größer, hinzu kamen Erschöpfung und ein Burnout. Um den Schmerz zu verdrängen, griff ihre Tochter zunehmend zum Alkohol und Drogen. "Sie hat irgendwann gesagt: Ich trinke alles weg."
Lange Zeit wurden die eigentlichen Ursachen ihrer Probleme nicht erkannt. Auch beim Medizinischen Dienst blieb die Suchterkrankung zunächst unerkannt. Die Situation verschlechterte sich weiter. Die Tochter verlor ihre Arbeit und war schließlich auf Hartz IV angewiesen. Zusätzlich entwickelte sie eine psychische Erkrankung, die die Belastungen weiter verstärkte.
Für Frau K. begann eine Zeit voller Sorgen und Verantwortung. Sie unterstützte ihre Tochter finanziell, kümmerte sich um Arzttermine, Behördengänge und organisierte alles, was nötig war. Schließlich holte sie ihre Tochter zurück nach Cottbus, um näher bei ihr zu sein und ihr im Alltag helfen zu können.
"Ich habe versucht, alles irgendwie zu richten", sagt sie rückblickend. Doch die ständige Verantwortung zehrte auch an ihren eigenen Kräften. "Irgendwann war ich selbst völlig erschöpft."
Über Umwege, denn man redet ja leider nicht öffentlich über dieses Thema, fand Frau K. schließlich den Weg zum Caritasverband der Diözese Görlitz e.V. und zum Tannenhof und fand für sich selbst Hilfe und Unterstützung. Seit über fünf Jahren besucht sie dort regelmäßig zwei Angehörigengruppen. Die Treffen bedeuten ihr viel. Und nicht nur Ihr, sondern allen anderen Gruppenmitgliedern ebenfalls.
"Die Gruppen sind unglaublich wertvoll. Dort wird offen und ehrlich gesprochen, und alles bleibt im Raum. Man kann über Dinge reden, die man sonst mit niemandem teilt."
Auch die Unterstützung durch Herrn Alexander Lattig half ihr, einen neuen Blick auf die Situation zu gewinnen. Sein Rat lautete, die Tochter ihren eigenen Weg gehen zu lassen. "Er hat immer wieder gesagt, ich soll sie laufen lassen. Aber das fällt einer Mutter natürlich schwer."
Mit der Zeit lernte Frau K., Grenzen zu setzen. Sie hörte auf, ihrer Tochter z.B. Geld zu geben, und konzentrierte sich stärker darauf, Hilfe anzubieten, ohne die Verantwortung für deren Leben zu übernehmen.
Heute blickt sie mit gemischten Gefühlen auf diese Zeit zurück. "Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich mir nicht schon viel früher Hilfe geholt habe", sagt sie offen.
Inzwischen hat sich die Situation ihrer Tochter stabilisiert. Sie hat einen Partner kennengelernt und arbeitet weiter an ihrem Weg. Für Frau K. ist das ein Zeichen der Hoffnung.
Anderen Angehörigen möchte sie vor allem eine Botschaft mitgeben:
"Vergiss Dich nicht! Man schaut immer nur auf den Menschen mit der Suchterkrankung. Aber auch Angehörige brauchen Unterstützung. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine wichtige Voraussetzung, um selbst gesund zu bleiben."